[Event "SC Iffezheim-SK Ötigheim"] [Site "?"] [Date "2016.10.23"] [Round "2"] [White "Georgiev GM, Kiril"] [Black "Ehrlacher, Markus"] [Result "1/2-1/2"] [ECO "D27"] [WhiteElo "2613"] [BlackElo "1943"] [Annotator "Ehrlacher Markus"] [PlyCount "118"] [EventDate "2015.09.27"] [WhiteTeam "Bereichsliga"] [BlackTeam "Brett 1"] {D27: Angenommenes Damengambit (Hauptvariante 7.e4, 7.a4)} {Aufgrund der großen Ambitionen und der damit verbundenen starken Besetzung des SK Ötigheim konnte ich mich im Mannschaftskampf in der Bereichsliga am Spitzenbrett erstmals in meiner Schachlaufbahn in einer Turnierpartie mit einem Großmeister messen. Mein Gegner GM Kiril Georgiev, mehrfacher bulgarischer Meister und Nationalspieler, ist aktuell in Bulgarien hinter Topalov und Cheparinov die Nr. 3 und in der Weltrangliste auf Platz 195.} 1. d4 d5 2. c4 {Eröffnungstechnisch vorbereitet habe ich mich nicht, denn erstens waren mehrere potentielle Titelträger als Gegner möglich und zweitens haben diese ein sehr breites Repertoire und spielen verschiedene Varianten, so dass eine spezielle Vorbereitung kaum lohnenswert gewesen wäre.} dxc4 {Wenige Tage vor dem Spiel hatte ich mich mit meinem ehemaligen Vereinskameraden Markus Merkel, der mittlerweile für Heitersheim in der Verbandsliga spielt, getroffen und mit ihm mein Repertoire besprochen. Da ich mit meiner langjährigen Hauptwaffe gegen 1.d4, der slawischen Verteidigung, nicht mehr ganz zufrieden war, empfahl mir Markus doch einmal das angenommene Damengambit anzuschauen. Dies habe ich die Tage vor der Partie getan und kurz entschlossen entschieden die Eröffnung auch gleich auszuprobieren, schließlich hat man gegen einen solch starken Gegner nichts zu verlieren.} 3. e3 {Dieser Zug wird oft von Spielern gewählt, die Varianten mit Lg4 ausschließen wollen. Eigenständige Bedeutung hätte nun lediglich 3. ...e5} Nf6 4. Bxc4 e6 5. Nf3 { Nun ist die klassische Variante des angenommenen Damengambits entstanden.} a6 6. O-O {Der Hauptzug ist nun 6. ...c5, aber mit} Nbd7 {habe ich mir ein Nebenabspiel angesehen, bei dem c5 noch zurückgehalten wird. Falls Weiß nun auf a4 verzichtet, kann Schwarz analog der Meraner Variante im Semislawisch mit b5, Lb7 und c5 fortsetzen.} 7. a4 {Der meist gespielte und logische Zug. Weiß verhindert b5 und die beschriebene schwarze Expansion am Damenflügel} { Aufgrund dessen spielt Schwarz} b6 {und vollendet mit dem "kleinen" Fianchetto die Entwicklung des Damenflügels.} 8. Nc3 Bb7 {Dieser schwarze Aufbau wurde von einigen indischen GM (Harikrishna, Sasikiran, Ganguly) schon gespielt und von dem holländischen GM Van den Doel, dem Polen GM Markowski und dem Israeli GM Postny häufiger angewandt.} 9. Qe2 {Der meistgespielte Zug, der e4 vorbereitet und Td1 ermöglicht.} ({Das Bauernopfer} 9. e4 {wurde auch schon gespielt und verspricht Weiß eine gefährliche Initiative.} Nxe4 10. Nxe4 Bxe4 11. Ng5 (11. Re1 Bxf3 (11... Nf6 12. Bg5 Bd5 $11) 12. Qxf3 Bb4 13. Bg5 Nf6 14. Bxf6 gxf6 15. Re4 $14) 11... Bg6 12. Bxe6 Be7 13. Bd5 Rc8 $11) 9... c5 { Der typische Angriff gegen das weiße Zentrum.} (9... Bb4 {ist die Alternative und wurde bisher häufiger gespielt.}) 10. Rd1 Qc7 {Die Dame entzieht sich der Gegenüberstellung des Turms.} 11. d5 exd5 12. Nxd5 Nxd5 13. Bxd5 Bxd5 14. Rxd5 Be7 15. b3 O-O $146 {Die Rochade war für mich hier natürlich und naheliegend, ist aber eine Neuerung. In vier Großmeisterpartien hat der Schwarze mit Dc6 oder Db7 stattdessen den Turm auf d5 befragt.} (15... Qb7 16. Rd3 O-O 17. Bb2 Rfd8 18. Rad1 Nf8 {1/2-1/2 (18) Ftacnik,L (2544)-Ganguly,S (2631) Philadelphia 2008} 19. Be5 Rxd3 20. Rxd3 b5 (20... Ng6 21. Bb2 b5 $11) 21. h3 Qe4 22. Qd1 Rc8 {1/2-1/2 (22) Buhmann,R (2527)-Markowski,T (2549) Germany 2003 CBM 093 (Konikowski)}) 16. Bb2 Bf6 {Nach Le7 hatte ich bereits geplant den Läufer auf die lange Diagonale zu bringen, um sein Pendant zu neutralisieren.} 17. Rad1 Rfd8 18. h3 {Weiß kümmert sich zunächst um sein Grundreihenproblem.} ({ Das Motiv schwache Grundreihe spielt in der folgenden Variante eine Rolle:} 18. Bxf6 Nxf6 19. Rxd8+ Rxd8 20. Rxd8+ Qxd8 21. h3 $11 ({Weiß kann nun schlecht} 21. Qxa6 $6 {spielen, da das Schach mit der Dame abgewehrt werden und die Dame anschließend den Bauern a4 passiv auf a1 decken muss.} Qd1+ 22. Qf1 Qxb3 23. Qa1 $15)) ({Erwartet habe ich die Verdreifachung der Schwerfiguren auf der offenen Linie und der forcierten Zugfolge} 18. Qd3 $5 Bxb2 19. Rxd7 Qxd7 20. Qxd7 Rxd7 21. Rxd7 {Hier hatte ich} b5 $14 {geplant und gehofft mit der etwas besseren Leichtfigur das Endspiel halten zu können. Allerdings hat Weiß einen sehr aktiven Turm und steht etwas besser. Die Stellung ist sicherlich noch in der Remisbreite, aber die Verteidigung wäre wohl schwieriger als in der Partie geworden.}) 18... Bxb2 19. Qxb2 Nf6 20. R5d3 Rxd3 21. Rxd3 Rd8 { Nach dem Tausch der Läufer und eines Turmpaares hält Schwarz auf der offenen Linie dagegen und erhält eine ausgeglichene Stellung.} 22. Qe2 {Nun droht Txd8 nebst Dxa6. Der Gegenangriff mit Dd1+ und Dxb3 scheitert an der schwarzen Grundreihenschwäche.} ({Den Versuch mit} 22. Qd2 {die offene Linie zu bekommen, kann Schwarz mit} Rd7 {und ggf. Dd8 entkräften.}) 22... h6 23. e4 Rxd3 24. Qxd3 Qd7 25. Qxa6 Qd1+ 26. Kh2 Qxb3 27. Qc8+ Kh7 28. Qf5+ Kg8 29. e5 ( 29. Qc8+ Kh7 30. e5 Ng8 $11) 29... Ne8 ({Stärker wäre} 29... Nh7 $5 {gewesen, mit der Idee den Springer über das Feld f8 wieder ins Spiel zu bringen.} { Nach beispielsweise} 30. Qd7 Nf8 31. Qb5 Qe6 $15 {steht Schwarz leicht besser.} ) 30. Qd7 $11 Qe6 31. Qd8 ({Der Damentausch führt hier zu nichts, Schwarz hat keine Probleme das Springerendspiel zu halten.} 31. Qxe6 fxe6 32. Nd2 Nc7 33. Nc4 Nd5 $11) 31... Kf8 ({In manchen Varianten ergeben sich Chancen auf ein Dauerschach, z.B.} 31... Qc6 32. Qe7 Qxa4 33. e6 fxe6 34. Qxe6+ Kf8 35. Qxb6 Qf4+ 36. Kg1 Qc1+ $11) 32. a5 bxa5 33. Qxa5 Qc4 {Droht Df4+ und Dc1+ mit Dauerschach.} 34. Qd2 Qe4 {Die Dame steht hier zentral und hält den Bauern e5 im Blick, so dass der Springer nicht ziehen kann.} 35. Kg1 Qb1+ 36. Kh2 Qe4 37. Qc1 Qd5 38. Qb2 {Meine Absicht war nun den Springer zu aktivieren und da Sc7 an Db8+ scheitert, bleibt nur} f6 {was von Georgiev nach der Partie kritisiert wurde, weil es die weißen Felder um den König schwächt, wenngleich die Stellung nach wie vor ausgeglichen ist.} (38... Qc4 {führt die Partie wohl einfacher in den Remishafen.}) 39. Qc3 fxe5 40. Nxe5 Nf6 41. Qe3 {Nachdem die Zeitkontrolle geschafft war, dachte ich mit einem Damentausch und dem Freibauern im Springerendspiel dem erhofften Remis näher zu kommen und zog deshalb} Qd4 {Allerdings war diese Einschätzung zweifelhaft, denn das Springerendspiel ist durchaus schwierig zu verteidigen.} ({Es gab mehrere Varianten, die die Stellung ausgeglichen halten, aber nach über vier Stunden hochkonzentriertem Spiel befürchtete ich Schwächen in der Variantenberechnung, was den Wunsch nach Vereinfachung erklärt.} 41... Ke7 42. Ng6+ (42. Nd3+ Kd6 43. Qg3+ Kc6 44. Qxg7 Qxd3 45. Qxf6+ Kb5 $11) 42... Kf7 43. Ne5+ $11) (41... Ne4 42. Qf3+ Ke7 43. Ng6+ Kd7 44. Qg4+ Kc7 $11) (41... g5 42. f4 gxf4 43. Qxf4 Ke7 $11) 42. Qxd4 cxd4 43. Kg3 {Erst nach dem Damentausch fiel mir auf, dass ich meinen König nicht aktivieren kann, weil Ke7 wegen der Gabel auf c6 den Bauern d4 verliert (was laut Computer aber noch nicht einmal verloren ist) und darüber hinaus Weiß mit dem König einfach über die Route f3, e2 nach d3 laufen kann und früher oder später mein Bauer fällt.} { Letztlich habe ich ein hübsches Verteidigungsmanöver gefunden, welches die Partie hält. Georgiev deutete nach der Partie an, dass er dieses Manöver übersehen bzw. unterschätzt habe.} g5 $1 {Dieser Bauernvorstoß sichert zunächst einmal das Feld f4.} 44. Kf3 Nd5 {In Verbindung mit g5 ermöglicht dieser Springerzug je nach weißer Fortsetzung jeweils eine ausreichende Verteidigungsidee. Geht Weiß mit Ke4 direkt auf den Bauern los, zieht der Springer auf das Treppenfeld f4 und nimmt die weißen Bauern aufs Korn. Nimmt Weiß wie in der Partie mit g3 das Feld f4 unter Kontrolle, zieht der Springer nach c3 und errichtet im Verbund mit dem Bauern d4 eine seitliche Barriere, so dass der weiße König sich nicht annähern kann und bei Bedarf kann der Springer auch nach e2 weiter ziehen und so den Bauern decken.} (44... h5 { reicht laut Computer ebenfalls zum Remis.}) 45. g3 (45. h4 gxh4 46. Ke4 (46. Kg4 Kg7 47. Kxh4 Nf6 48. f3 Nd7 $11) 46... Nc3+ 47. Kxd4 Nd1 48. f4 Kg7 49. Nf3 h3 $1 $11) (45. Ke4 Nf4 $11) 45... Nc3 $1 $11 {[%csl Re2,Re3,Re4]} {Im Folgenden versucht der Großmeister noch ein paar Züge, aber die Stellung ist Remis.} 46. Kg4 Kg7 47. Kf5 Ne2 48. h4 ({Es gibt natürlich auch weitere Varianten, die aufgrund der reduzierten Bauernzahl auf einem Flügel aber ebenso einfach Remis sind, beispielsweise:} 48. Ke4 Ng1 49. h4 gxh4 50. gxh4 Kf6 51. Kxd4 Kf5 $11 {Schwarz wird mit dem aktiven König einen der weißen Bauern bekommen und kann zur Not seinen Springer für den letzten weißen Bauern opfern.}) 48... gxh4 49. gxh4 Nc3 50. Nd3 Kf7 51. Ke5 Ne2 52. h5 ({ Auch der Übergang in ein Bauernendspiel ist Remis.} 52. Nf4 Nxf4 53. Kxf4 { Aber Vorsicht, nur der Zug} Kg6 $8 {mit der direkten Annäherung zu dem Bauern auf h4 remisiert.} ({Sorglos mit} 53... Kf6 $4 {in die Opposition zu gehen verliert, da der schwarze König nach} 54. Ke4 {zu langsam ist.} Kg6 55. Kxd4 Kh5 56. Ke5 Kxh4 57. f4 $18 {und Weiß gewinnt.})) 52... Ke7 53. Kf5 ({Hier ist das Bauernendspiel einfach Remis.} 53. Nf4 Nxf4 54. Kxf4 Kf6 55. f3 d3 56. Ke3 Kg5 $11) 53... Kf7 54. Nc5 Kg7 55. Ke5 Kf7 56. Kf5 Kg7 {Hier wurde die Stellung zum zweiten Mal wiederholt.} 57. Nd3 Nc3 58. Ke5 Ne2 59. Ke6 Nc3 { Und Georgiev hatte genug gesehen und offerierte direkt nach meinem Zug Remis. Im Jahr 2012 konnte ich beim Turnier in Bad Wildbad gegen den russischen IM Maxim Chetverik gewinnen, allerdings hatte ich damals Weiß und der Gegner "nur" 2284 ELO. Insofern stufe ich dieses erkämpfte Remis mit Schwarz gegen einen Top-GM als weitaus größere Leistung ein, zumal der Gegner vor gerademal ca. zehn Jahren in der Weltrangliste noch auf Platz 26 war.} 1/2-1/2